7. März 2000

SAD Song

Kennt Ihr das SAD-Syndrom? Kennt Ihr nicht, gell? So was gibt es nämlich bei Euch drunten nicht. Im hohen Norden leiden sage und schreibe fünfzehn Prozent der Bevölkerung am SAD-Syndrom. Zurückzuführen ist diese Krankheit auf Lichtmangel und die Symptome sind Müdigkeit, Konzentrationsstörungen, Vergesslichkeit, pausenloser Hunger, insbesondere auf Kohlenhydrate und Gewichtszunahme. Ich habe verschärft das Gefühl, dass ich auch im SAD-Syndrom im allerschlimmsten Vollstadium leide. Das mit der Gewichtszunahme trifft zwar nicht zu, aber das wird wohl daran liegen, dass mein Heisshunger auf Kohlenhydrate so pausenlos ist, dass gar nichts ansetzen kann. Und zur Vergesslichkeit habe ich schon von Geburt an eine gewisse Disposition.

Glücklich sind die Passagiere der Finnair, sind doch, wie ich der Broschüre, die alle Passagiere an ihrem Flugzeugsitz vorfinden, entnehmen konnte, am Flughafen Helsinki Vantaa extra 5000-Lux-Lampen installiert worden, unter denen die Passagiere in kürzester Zeit ihr Tagespensum an Licht aufnehmen können. Leider ist dieser Service den Passagieren der Business Class vorbehalten, die Economy-Passagiere können Kohlenhydrate fressen, bis sie platzen. Es wäre ernsthaft zu überlegen, ob es nicht ökonomischer wäre, ein Business Class Ticket zu kaufen und dafür an den Kohlenhydraten zu sparen.

Heute mittag hat zum ersten Mal seit etwa einem halben Jahr wieder mal so richtig schön krass die Sonne geschienen. Natürlich nicht so wie Europa, über einen Winkel von etwa 25 Grad ist sie nicht hinausgekommen, aber immerhin, kein Wölkchen am Himmel. Ich erinnerte mich daran, was ich letzten Samstag im Flugzeug über das SAD-Syndrom gelesen habe, und entschied mich dafür das Geld für Kohlenhydrate einzusparen und statt dessen einen Spaziergang für 45 Minuten bei 25 Lux zu machen. Ich habe von meiner Arbeitsstelle noch einen Spaziergang weiter als bis zum Zigarettenkiosk gemacht, und ich war erstaunt, wie romantisch die Umgebung unseres Centrums doch ist. Gleich hinter dem Parkplatz (der Parkplatz ist allerdings riesig groß) hinter einem Schneehaufen geht es in den Wald, einen vereisten Steg hinuntergerutscht, und schon ist man in einem Glesbygd einer Ansammlung zerstreut angeordneter Häschen. Sehr nett. Aber nicht ganz ungefährlich. In ordentlich bebauten Gegenden sind die Felsen durch Brücken miteinander verbunden, so dass man allenfalls gelegentlich sehr sanfte Höhenunterschiede überwinden muss. Nicht so im Glesbygd. Da gehts schon mal ganz schön runter. Dazu muss man wissen (und hätt ich gestern nicht meinen Tagebucheintrag geschwänzt, dann wüsstet Ihr es jetzt), dass es gestern früh geschneit, gestern mittag getaut, gestern abend gefroren und gestern nacht geregnet hat, so dass es heute schön glatt war. Na ja, ich habs überlebt.

Als ich dann wieder zurückgekommen bin, hat mich mein SAD-kranke schwedische Kollegin gleich zu einem Semla eingeladen.

Damit ich von so viel Licht nicht gleich übermütig werde, habe ich mir jetzt die "Winterreise" in meinen Computer geschoben (das hab ich erst gestern entdeckt, dass man mit meinem Computer auch CD hören kann). Ach wer wie ich so elend ist